Web 2.0 – Aus dem Leben einer Toten

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Web 2.0 – Aus dem Leben einer Toten

01.05.2003 Mein Leben begann gerade erst, mir selber Freude zu verursachen: Nach Hochschulende und einer Festanstellung bei einem Fernsehsender, die ich – aus unanpassungsfähigkeitsbegründeten Querelen mit Kollegen – selber kündigte, wagte ich mit Hilfe meines damaligen „Lovers“ den Schritt in die Selbständigkeit als freie Journalistin via Internet.

Ich war im 5. Monat schwanger von diesem Mann, den ich damals überdimensioniert liebte, war freiberuflich als Journalistin aktiv für diverse Magazine, darunter auch namhafte – kurzum: es ging mir gut! Ich freute mich auf das Kind und fing an, mein Leben kindgerecht umzustellen – da ereilte mich mit einem Schlag unvorbereitet der Tod!

Am 1.5.2003 kam ich mit diffusen Schmerzen in das Aachener Klinikum – Diagnose: seltene Form der Schwangerschaftsvergiftung durch Morbus Moscovich. Ich entsinne mich der Aufnahme in das Klinikum der RWTH Aachen und sodann wurd´ alles schwarz um mich herum: ich starb!

Diese Phase des Todes, gezeichnet von diversen Absurditäten in nahezu psychotischer Form, schien endlos und ewig fortdauernd: Digitales, cerebrales Blitzgewitter sich windend in den Entitäten temporal-realistisch logischer Verquickungen.

Am 3. August 2007 wurde ich wach… wider jeglichen Erwartens nach dreimaliger, zwischenzeitlicher Wiederbelebung, künstlicher Beatmung, täglicher Dialyse sowie mit einem externen Herzschrittmacher. Mein erster Gedanke war der meines Namens und wer ich denn sei: ich wusste es nicht!

Dann wollte ich unverzüglich das Bett verlassen, um eine Zigarette zu rauchen. Die Sucht nach Nikotin war nach 4 Jahren Entzug unendlich groß und nichts schien mir in diesem Moment erstrebenswerter, als die heißgeliebten Ströme zu inhalieren.

Also riss ich alle Schläuche von mir ab, richtete mich auf und wollte aus dem Bett dem Nikotingenuss hin entfleuchen. Meine Beine fühlten sich wie wabbernd Pudding an, ich fasste sie, setzte mich auf die Bettkante und hievte mich aus dem Krankenhausbett.

Prompt und flugs purzelten die Beine unter mir einfach weg – sie fühlten sich nicht nur wie wabbernd Brei an – sie waren es!

Es folgten lange Monate der REHA, bis ich wieder in meine Wohnung konnte, die mir dank meiner Tante und meines Vaters, die die Hoffnung auf mein Genesung nie aufgaben, erhalten geblieben war.

Die Frage, die mir mit der Betrachtung meiner Umwelt zunehmend bohrender durch den Kopf schoss: Bin ich tot?

Immer wieder in Projektionen mit der Frage spielend, ob ich nicht doch tot sei, konstantierte ich meine Umwelt, denn theoretisch (existentialistische Theorien á la Sartre aufgreifend) könnte ich auch tot sein und in meiner persönlich projizierten “toten” Welt leben.

Woher soll ich beurteilen, ob ich lebe oder tot bin? De Welt hat sich nach meinem Aufwachen komplett geändert… 2003, da war von Social Media, Web 2.0, etc. noch nicht die Rede. Vielleicht erliege ich den Träumen des Dämons meiner eigenen Fiktion?

Und genau das weiß ich heute, 7 Jahre später immer noch nicht… Hat sich die Welt um mich herum derart geändert, dass ich in ihr schwimme wie eine Blase im Wasser surrend vor sich hinblubbt? Ohne zu erkennen, dass ich die Blase bin, die das Wasser verdrängt?

Nun, ich tendiere zu leicht antikonformistischen Handlungsweisen… das schon immer… Aber seit 2 Jahren vermehren sich diese teils absurden Reaktionen auf Reflexionen meiner eigengespiegelten Welt.. Deutet exakt diese Tatsache darauf hin, dass ich eigentlich tot bin.. schon lange, schon 100 Mal gestorben – tausende Male vergangen und wie ein düsterer Geist wiederauferstanden? Dass ich nichts weiter bin, als bis in die Entropie der Unendlichkeit verwursteter “Content” – welcher (generativen) Art auch immer? Von daher bleibe ich auch immer – welch grausige Vorstellung, welch fanatisch-frenetische Fiktion!!!

Mögen die Bilder dieser Vision dem Koma entstammen? War das Koma mit seinen diffusen Wertigkeiten und “Welten” Realität und dieses Leben nur “augmentierte Realität des Todes”?

Was sah ich und wie sah ich “die Welt” im Koma?

Fragmentierte Rudimente realen Scheins in digitaler “Sichtweise” waren die komatösen Visionen! Die Welt war in einem Rasterschema aufgebaut, das ich wahrnahm wie ein Scanner. Ich arbeitete bzw. “funktionierte” wie ein PC und nahm Schemata der Realität digital-fraktioniert wahr, vergleichbar mit einer “Matrix”. Diese digital gerasterte Matrix stellte meine Vision vom Leben dar – abzüglich des temporalen Elements der Zeit, die in Form eines Nahrungsschlauches durch meinen Körper floss. So wurde meine “Koma-Welt” zu einer abstrahierten Essenz meiner Realität in Entitäten, deren Verifikation ich in theoretischer Form abstrakt “nachschwingen” musste.

 

Aus dieser Theorie heraus entstand eine komplett neue Welt für mich, deren Verzweigungen nur mich betrafen. Ich fühlte mich wie auf einer Autobahn des Lebens, die ich in Überschallgeschwindigkeit zurücklegte. Meine verzerrte Wahrnehmung der anliegenden Umgebung an diese Autobahn konnte ich mit mit der digitalen Sichtweise regulieren und verlangsamen, so dass Überschall für mich Unendlichkeit bedeuten konnte. Letztlich wurde ich damit zum Piloten meiner eigenen Endlichkeit und hob sie auf damit.

Dass ich all dieses Wissen innehatte, aber nicht aktiv außerhalb der komatösen Visionen anwendend könnte, war mir nicht bewusst. Ich reflektierte darüber, durch die Zeit meinem früheres Leben zu begegnen, aber fand den rechten Weg nicht.

Ich war gefangen in den Äonen meiner eigenen Visionen – abgeschnitten vom Puls jeglicher Vitalität.

Und wie waren diese Visionen auf die Welt bezogen?  Amerika war nie real existent! Es existierte nur in den Träumen und Visionen der Menschen!

Meine Verzweigung in die jeweilige Realität bestand via meiner komatösen Träume, die mein eigenes universelles Weltverständnis projizierten. In diesem Koma-Universum war jegliche Materie obsolet – sie war lediglich die Plazenta meiner Gedankenströme. Diese in Synapsenfetzen vertändelten Ströme gaukelten mir eine stilisiert-technoartifizerte Musterumgebung vor, in der ich frei wandeln konnte, so dass meine Gedanken die Plattform dazu bildeten. Ich war der unwiederbringlichen Hoffnung, den gedankengeschwängerten Ausgang zu kennen – nur wo war dieser Ausgang in die Realität? Nichtsdestotrotz erlabte ich mich meiner Diversifikationsmöglichkeiten…

 

2 Kommentare zu Web 2.0 – Aus dem Leben einer Toten

  1. sputtins sagt:

    Salve, Marcel!

    „Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
    und hinter tausend Stäben keine Welt“ –
    dieser Satz von Rilke beschreibt einhellig die Empfindungen…

    Und „mentale Techniken“ probe ich seitdem zuhauf, früher habe ich mich (eher selten) mit „esoterischen Themen“ befasst, heute sehe ich jedwede Thematik als „Kommunikationskanal“ an und würde eigentlich lieber „Meta-kommunizieren“…
    Greetz
    Sabine

  2. also ist ich ein anderer, der sich flug im schwarm entfleucht? ich stelle mir das koma als wiederkehrenden obsessiven traum vor, in dem alle wechselnden identitäten nur einen alptraum des auf sich selbstzurückgeworfenseins, ein roadmovie des sichnichtgenügenkönnens ernähren?
    erzeugt also nicht nur der schlaf der vernunft monster?
    sondern der große schlaf läßt uns in die matrix fallen und wir wollen wie aus der hölle, die wir diesmal selber sind, nur hinaus, wohin auch immer?
    bei meiner ersten reikibehandlung, nichts erwartend, weil nichts wissend, erlebte ich die matrixnightmare für 20 minuten und dann verwandelte ich mich in den langsamen satz des von marcel proust auf der ersten seite der recherche beschriebenen streichquartetts und atmete gefühlte zehn minuten aus.
    hat puttins postkomatöse erfahrungen mit dieser oder anderer erfüllungstechnik?
    rilke hätte gesagt, daß dann eben gott doch aus seinem hinterhalt stürzt, wenn wir ihn und sei es im koma, suchen wollen.
    der ironie entbehrt es nicht, daß ich auf puttins durch ihre bemerkung zur schwarmintelligenz aufmerksam wurde.
    auf mehr?
    guter gruß marcel , baden-baden

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