Dämon meiner Fiktion – II

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Ich war auf dieser furchtbaren Welt, sah das erschrockene Gesicht meiner
Erzeugerin und der fetten Hebamme, die überrascht von meinem
trommelfellerschütternden Schrei waren. Ich lachte. Ich lachte über diese
von Entsetzen geprägten Gesichter. Ich lachte sie aus, denn sie wussten
nicht, wie es mit mir weitergehen würde. Ich jedoch wusste, dass ich der Welt
viel Schlimmeres zufügen würde, als diesen ersten Schrei meiner Seele.

Eine verzerrte Visage war das erste, was meine Seele mit einem lauten Schrei
aufbäumen ließ. Und erst 15 Jahre später sollte ich wieder ein vergleichbare
Situation erleben: Das entsetzte Gesicht des Mannes, das ebenfalls einen
markerschütternden Schrei ausstieß und dessen Blut ich meinem Mund
schmeckte, nachdem ich ihm den Hodensack aufgeschnitten hatte und ihm einen
Teil seines – für ihn wertvollen – Gehänges abbiss.

*

Meinem Schrei verdanke ich auch meinen Namen: Serena, abgeleitet von Sirene.
Meine Erzeugerin war nie sehr phantasiebegabt und nannte mich einfach nach
den ersten Taten meines Lebens.
Just dem Bauch der Erzeugerin entfleucht und sie entlastet, belastete ich
sie auch bereits mit meiner Anwesenheit. Sie war zwar froh, mich nicht mehr
mit sich herumtragen zu müssen, litt aber umso mehr, mich nun außerhalb
ihres Körpers zu sehen. Meine Erzeugerin und mein Erzeuger hatten mich als
ungewollten Unfall produziert und – wie es Ende der 60er Jahre üblich war –
deshalb geheiratet.

Die Enttäuschung des Erzeugers, dass ich ein weibliches Wesen war, prägten
seine ersten Worte, die ich von ihm hörte: „Oh Gott, auch noch ein
Ritzenpisser!“. Das überzeugte mich schon damals nicht, ihn in irgendeiner
Form zu mögen.

Dennoch war ich kein „Kind der 68er-Revolution“, wenn auch im Folgejahr
geboren. Diese Zeit der Liberalisierung war anscheinend an meinen
Produzenten heimlich vorbeigeschlichen. Im Gegenteil verteufelten sie die
„wilden Terroristen“ damals als drogenkonsumierende Hippies und hofften sich
sehnlichst niemals eine derartige Zukunft für ihre „Missgeburt“. Ihr
einziger Lichtblick mit meiner Geburt war die Option der Altersvorsorge
durch ein Kind. Irgendwie müsse sich doch auch einem schreienden und
plärrenden Blag „Bares“ machen lassen, beratschlagten sie schon damals. Ich
empörte mich enorm über ihre Pläne mit mir, da in mir eine Moralität
angelegt war, die zwar durch jahrelangen, gezwungenen Umgang mit meinen
Erzeugern verlorenging, aber dennoch tief in mir verankert war. Ich bäumte
mich gegen alles, was sie noch mit mir vorhatten, auf und plärrte ohne
Unterbrechung, aber erreichte selbstverständlich nichts mit meinem
kindischen Gebrüll – außer ein paar schmerzhaften Ohrfeigen und
Nahrungsentzug.

Vor Wut kochend musste ich mit anhören, wie sie ihre ersten Geschäfte mit mir
besprachen: Serena sei ja ein extrem hübsches Baby und es müsse sich doch
mit Fotos jeglicher Art Geld durch das Baby verdienen lassen. Mein
Samenspender war als braver Marinesoldat viel herumgereist und hatte von den
lukrativen Kindernacktfotos in Skandinavien erfahren. Nun rätselten mein
Samenspender und meine Eizellenspenderin, wie sie denn Kontakte nach
Skandinavien knüpfen könnten: Letztlich sei das für das Wohl des Kindes,
wenn mehr Geld zur Verfügung stünde und es würde, so jung, wie es sei,
nichts davon bemerken und keinen Schaden tragen. Ihre Illusion, ich würde ob
meines jungen Alters nichts bemerken, versuchte ich ihnen durch ständiges
Geschrei zu rauben. Doch stieß ich nur auf Unverständnis. Sie reagierten mit
Ohrfeigen, wenn ich zu lange und laut brüllte, legten mich als erzieherische
Maßnahme in eine Ecke und entzogen mir die Nahrung. So hatte ich zu lernen,
dass ich mich, wollte ich Nahrung zu mir nehmen, nicht zu melden hatte.

Selbstverständlich stillte meine Erzeugerin mich nicht. Der Kontakt war ihr
zu nah, sie konnte es nicht ausstehen, wenn ich etwas von ihr nahm, was sie
nicht geben wollte. So versiegte auch die Milch in ihrer Brust sehr schnell
und sie hatte einen Grund, mich mit der Flasche zu nähren. Da meine
Erzeugerin nicht sehr ordnungsliebend war – weder eine gute noch fleißige
Hausfrau – herrschte um mich herum das Chaos. Schmutzige Wäsche lag neben
und auf dem ungespülten Gläsern, Staub häufte sich nicht nur in den Ecken
und die – extrem kleinen – Fenster der 1,5-Zimmer-Wohnung durchdrang kaum
noch Licht, da sie nie gereinigt wurden. So wuchs ich in einem dunklen
Schattendasein – in der 5. Etage einer Hafenstadt auf. Meiner Erzeugerin
wurde es oft zu mühsam, mich und den Kinderwagen fünf Etagen rauf und runter
zu transportieren, so dass ich die Sonne so gut wie nie sah. Ich wollte ihr
schreiend erklären, dasss ein Körper zur Produktion von Vitamin E und D
Sonnenlicht benötigt, aber sie missverstandnd meine Schreie als allgemein
nervige Quengeleien und gab mir lediglich ab und an eine Schlag auf das
Gesäß, wenn es ihr zuviel wurde. Wenn ich mit noch mehr Gebrüll dann kundtun
wollte, dass Schläge nicht Sonnenlicht ersetzen, bekam ich nicht mehr
Sonnenlicht, sondern mehr Schläge. Sie verstand mich und meine elementarsten
Bedürfnisse nicht – nie!

Da meine Erzeugerin durch meinen ständigen Lärm vollkommen überfordert war,
flüchtete sie sich rasch in alle erdenklichen Krankheiten und
vernachlässigte die Wohnung und mich noch stärker. Bald krabbelten
Heerscharen von Kakerlaken durch die Wohnung und in meine Milchflasche. Ich
konnte mich mit diesen Tieren, obwohl ich mich mit jedem Tier anfreunde,
einfach nicht arrangieren. Mit anderen Tieren kommunizierte ich schon sehr
früh. Ich fragte sie nach ihrem Leidensweg an der Leine oder in Käfigen und
tat kund, dass es mir – als vorläufig an meine Erzeuger gebundenes Wesen –
auch nicht viel besser erging. Vor allem Katzen suchten die Nähe zu mir. Wo
immer eine Katze in der Gegend herum streunte, fand sie sich irgendwann am
Dachfenster ein und bekundete ihr Mitleid mit meiner Situation. Da Katzen
jedoch über magische Kräfte verfügen, halfen sie mir mit diesen auch: Sie
lehrten mich die Grundkenntnisse des Erfahrens der nahen Umgebung durch das
Erspüren transzendentaler Schwingungen.

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