Redaktionsordnung von 1990 diktiert Web 2.0 ;)

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verfasst 1990

Redaktionsordnung – Lokal:Redaktion                                        

 

Chaosbeherrschung

 

Eine Redaktionsordnung gibt es nicht – dafĂŒr stehen nicht genĂŒgend MĂŒlleimer zur VerfĂŒgung.

Wir versuchen, das Chaos zu beherrschen, denn bei uns ist nichts zur gleichen Zeit am gleichen Ort zu finden. So liegt neben dem Terminal unseres Chefs ein „heiliger Haufen“, in dem drei Jahre alter Stehsatz gemĂŒtlich vor sich hinschlummert.  Nur unser Chef hat den Durchblick – er hat alles auf Folie geschrieben.

Gemeinsam mit ihm beseitigen wir alle Probleme unverzĂŒglich – wie die Entsorgung von tieffliegenden Radiergummis, die in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden Flugsaison haben. Tiefer(f)liegende Probleme werden von uns möglichst bald aufgehoben, verpackt und archiviert.

 

Öffnungszeiten

FĂŒr den arbeitswilligen Redakteur stellt unsere Redaktion eine behagliche HeimstĂ€tte dar. Wir verfĂŒgen ĂŒber alles im Hause, was der Redakteur zum Leben braucht. FĂŒr das gemĂŒtliche Mittagsnickerchen ist unser Archiv der geeignete Ort, fĂŒrstlich bewirtet werden unsere Mitarbeiter in unserer Kantine mit Frikadellen und Kartoffelsalat. Fließend kaltes Wasser ist der besondere Luxus unserer SanitĂ€ranlagen. Wir bieten einen Full-Service wie sonst niemand und sind fĂŒr unsere arbeitswilligen Redakteure zu jeder Tages- und Nachtzeit geöffnet.

Termine

 

Das Leben des Redakteurs wird von seinen Terminen stark beeinflusst. Wichtig ist sein Auftreten auf Terminen. Cool sollte er sein. Ob Pressekonferenz im 4-Sterne-Hotel oder Termin im Rathaus: immer cool bleiben, stets die Sonnenbrille aufsetzen und zehn Minuten zu spÀt kommen!

 

Computer

Die EDV ist schon lange in unsere Redaktion eingezogen. Noch mĂŒhen sich unsere Redakteure verzweifelt auf einem veralteten System ab. Aber bald schon wird sich das Ă€ndern. Eines der fĂŒhrenden SystemhĂ€user der Stadt hat fĂŒr uns eine EDV-Lösung gefunden, die vom ARZT (Ausschuss fĂŒr redundante Zeitungs-Technologien) geprĂŒft wurde und das PrĂ€dikat „robust“ erhalten hat. So können sich auch unsere weniger EDV-interessierten Mitarbeiter am Rechner kundtun. Das System, das mit der Software PRESS/2.DOC lĂ€uft und kompatibel zu allen Playstations ist, hat neben 20 GB Spielen einiges zu bieten. Jeder kann sich seine Textbausteine speicherresistent anlegen und diese zu jedem beliebigen Artikel aufrufen: So bleibt der individuelle Stil eines jeden Redakteurs unverfĂ€lscht erhalten!

verfasst von Sabine Puttins, 1990

Über sabine puttins

Weißt Du, geliebter DĂ€mon, dass ich eine fiese Kröte bin, die sich von Echsenschleim ernĂ€hrt? Dass ich stĂ€ndig auf der Suche nach frischem Natternblut bin und dann noch den Anspruch stelle, es möge Deine - Gramborns - ureigenste Lust darin stecken? DĂ€mon, ich nenne Dich nun Gramborn, seit ich den ersten Schmerz meines Lebens erfuhr - und der war das helle und schmerzhafte Licht, das ich erblickte, als mich eine fette Hebamme von der Nabelschnur meiner Erzeugerin riss. Nichts - kein Schmerz in meinem Leben - verursachte derartige Pein wie dieses Reißen und AbsĂ€beln von einem anderen Menschen. Ich wehrte mich, ich wollte nicht in die grauenvolle Welt, in der mich nur Leid erwartete. Wohl wusste ich genau, dass diesem Trennungsschmerz viele weitere folgen wĂŒrden: das gesamte, grĂ€ssliche Leben wĂŒrde eine Abfolge....... . . . Ich wollte nicht raus aus meiner Wasserwelt, weigerte mich strikt, mich von dort auch nur einen Millimeter zu rĂŒhren. Aber die fette Hebamme kannte keine Gnade, zog und zerrte an mir, als meine Erzeugerin mich hinauskatapultierte in all die Grausamkeiten. Sie zerrte derart an mir, dass mein StrĂ€uben keinen Erfolg hatte, riss mich in das Licht und von der Nabelschnur. Zur Strafe meines Ungehorsams und meiner Vehemenz, nicht weichen zu wollen, schlug sie mir derb auf mein Hinterteil. Ich war ĂŒber und ĂŒber mit Blut besudelt. Soviel Blut um mich herum erlebte ich spĂ€ter nur noch ein einziges Mal: Als mich unter eine Theke duckte, um einem 9-mm-Dumm-Dumm-Geschoß zu entgehen. Das Geschoss traf den Rocker mit der HellÂŽs-Angels-Kutte hinter mir und zersplitterte seinen SchĂ€del derart, dass Fetzen seines Hirns sich mit Resten halbleerer BierglĂ€ser in der SpĂŒle vermischten und andere (weniger wichtige Hirnareale?) auf mein T-Shirt spritzten. Jedenfalls hatte ich von dieser „körperlich-geistigen Vereinigung “ keinen Nutzen, außer den, dass ich nicht getroffen wurde. Das Blut quoll aus der zerrissenen Nabelschnur und Blut war der erste Geschmack, den ich empfand. Dieser Geschmack sollte der meines Lebens werden, er begleitete mich, er ließ mich nach meinem DĂ€mon und Natternblut lechzen, nach nie erfĂŒllbaren WĂŒnschen, die sich damals manifestierten. Vor Angst ĂŒber all dieses verschmierte Blut in mir und um mich herum, blieb mir nichts anderes ĂŒbrig, als einen qualvollen, lauten Schrei von mir zu geben, der die Schreie des Kreißsaales lauthals ĂŒbertönte. Mein Schrei erschĂŒtterte die Manifeste des Krankenhauses und einen kurzen Augenblick lang stand die Zeit still. Ich dachte, naiv, wie ich war, ich könnte sie fĂŒr ewig anhalten, allem Einhalt gebieten und mir und der Welt das Leid ersparen, aber es gelang mir nur fĂŒr einen Pico-Bruchteil einer Zeiteinheit - danach war es um mich geschehen!
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